Im Rahmen der bereits zum 3. Mal stattfindenden landesweiten Veranstaltungsreihe „Lange Nacht der Demokratie“ in Schleswig-Holstein hatten Anna Roggensack, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Bargteheide, und der Leiter der Volkshochschule Bargteheide Frank Feier den palästinensisch-syrischen Musiker Aeham Ahmad eingeladen. Der Abend im großen und gut besuchten Saal des Bargteheider Stadthauses mit Jazz- und Klassikimprovisationen von Aeham Ahmad im Wechsel mit einer Lesung aus seiner Autobiographie „Und die Vögel werden singen: Ich, der Pianist aus den Trümmern“ wird dem Publikum wohl lange in Erinnerung bleiben.
Aeham Ahmads Finger gleiten und fliegen über die Tasten des Steinway-Flügels, an dem er an diesem Abend im Bargteheider Stadthaus sitzt. Er wechselt zwischen Jazz und klassischer Musik, intoniert mit seinem arabischen Gesang, in dem so viel Schmerz steckt und so viel Mut und Lebensfreude und lädt sein Publikum zum Mitsummen ein. Beethovens Neunte Symphonie, die „Ode an die Freude“, ist ebenso zu hören wie „Die Gedanken sind frei“. Er wechselt mit seinem Klavierspiel hin und her zwischen der Hingabe an das Leben und der Verzweiflung über das Erlebte, die vielen Tode, der Hunger, das Elend in Syrien. Dann beginnt Soeren von Hoerschelmann aus Aeham Ahmads Autobiographie zu lesen und die Stille im Saal wird noch stiller. Der Landschaftsarchitekt, dessen Ehefrau Margarita Cortes im Team der Organisatoren des Abends ist, liest von dem Pianisten in den Trümmern von Damaskus, der sein Klavier im Flüchtlingslager Jarmuk aufstellte und für die hungernden Menschen zu spielen und singen begann, als der Islamische Staat, kurz IS, der Hauptstadt immer näherkam. Sein Singen für das Leben und die Hoffnung in Zeiten jahrelangen unvorstellbaren Leids während des Bürgerkrieges ging 2014 und 2015 in sozialen Netzwerken viral. Ahman, der als palästinensischer Flüchtling im Lager in Jarmuk aufwuchs, gelang 2015 die Flucht aus Syrien nach Deutschland, ein Jahr später konnte er seine Frau und seine Kinder nachholen. Im Alter von 33 Jahren bekam er zum ersten Mal in seinem Leben ein Ausweisdokument, einen deutschen Pass. 2015 erhielt er in Bonn den erstmals verliehenen „Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion“.
In seiner Autobiographie „Und die Vögel werden singen: Ich, der Pianist aus den Trümmern“, erzählt Aeham Ahmad von seinem Leben in Jarmuk, von seinem Großvater, der 1948 mit mehr als 700.000 anderen Palästinensern aus Israel vertrieben wurde, von seinem blinden Vater, der ihm das Instrumentenbauen lehrte, von seiner weisen und liebevollen Mutter, seinen Freunden, von seinem Studium zum Musiker und seiner Tätigkeit als Musiklehrer, von der Begegnung mit seiner Frau und den Geburten seiner Kinder – vom Alltag staatenloser und niemals die Hoffnung verlierenden Menschen in einem Land, das durch den syrischen Bürgerkrieg immer mehr zum Kriegsschauplatz wurde. Und er erzählt von dem Einmarsch des IS in Damaskus, der Zerstörung seines Klaviers, seiner Inhaftierung und seiner Flucht nach Deutschland über Izmir, Lesbos und die Balkanroute.
Über ein Erlebnis mit einer Frau, die ihren letzten Kaffee für einen besonderen Anlass aufbewahrt hatte – die Menschen hatten seit Monaten nur noch Tee aus Zimt zu trinken - und diesen in seinem Klavierspiel findet, schreibt Aeham Ahmad in seiner Autobiographie: „Ich diesem Moment bemerkte ich das Zwitschern dreier Vögel. Sie saßen auf einem Balkongeländer im ersten Stock, direkt vor mir. Und das war ein kleines Wunder. Jede Granate, jeder Schuss lässt als Erstes die Vögel fliehen, verirrten sich doch mal welche nach Jarmuk, wurden sie gleich heruntergeschossen, die Mägen waren schließlich leer. Als ich anfing zu spielen, begannen die Vögel wieder zu singen.“
Es sind neben den Schilderungen des täglichen Lebens in Damaskus und mit dem Beginn des Bürgerkrieges zwischen den aufbegehrenden Menschen und den Soldaten und Geheimdiensten des Diktators Assad und damit einhergehend das Erleben von Angst, Gewalt, Hunger und Tod immer auch die zarten und feinen Stimmungen, die Aeham Ahmad einfängt und damit für eine tiefe Menschlichkeit schreibt. Und er schreibt gegen die falschen Vorstellungen, die viele Menschen von Flüchtlingen haben: „Wenn du vor Hunger und Bomben fliehst, lässt du deine Welt zurück. Und verwandelst dich in eine jener grauen Gestalten, die schon immer im Elend gelebt haben müssen und nun nach Europa kommen, um teilzuhaben am großen Reichtum. So behaupten es jene, die nicht verstehen, wer wir sind und woher wir kommen. Die Angst haben vor uns. Doch meine Geschichte ist eine ganz andere.“
Ohne das Verständnis für die Geschichten von Menschen, die aus Kriegsgebieten flüchten müssen, politisch verfolgt werden oder aufgrund der zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels und zunehmender Dürrekatastrophen besonders in afrikanischen Ländern ihr Land verlassen müssen, werden Hass und Hetze gegen Ausländer auch in Deutschland immer lauter und Salonfähiger. Die Wahlerfolge der rechtsextremen AfD und deren Pläne für Remigration schockieren und machen Angst. Wohin geht unser Land, wohin geht Europa?
„Demokratie gilt es zu erhalten. Wir müssen uns immer wieder für Demokratie entscheiden“, mahnte VHS-Leiter Frank Feier während des Abends mit Aeham Ahmad in seiner Begrüßungsansprache. Das Publikum, das am Ende der bewegenden Veranstaltung Fragen an Aeham Ahmad stellen oder Meinungen äußern konnte, unterstrich die absolut dringliche Aufgabe, in Politik und Alltag für unsere Demokratie und für Menschlichkeit einzutreten.
In seiner Autobiographie „Und die Vögel werden singen“ erzählt Aeham Ahmad von seinem Leben in Damaskus, von seiner Arbeit als studierter Musiker, Lehrer und Instrumentenbauer und von seiner Flucht nach Deutschland. Lesenswert ist auch sein zweites Buch „Ankommen …!? – Wie schaffen wir das“ über eine gelungene Integration in der neuen Heimat. Wer mit Aeham Ahmad in Kontakt treten und ihn für eine Lesung, ein Konzert oder eine Konzertlesung einladen und damit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt unserer Demokratie leisten möchte, findet seine Kontaktdaten unter www.aeham-ahmad.com.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Lange Nacht der Demokratie“ zeigt das Kleine Theater Bargteheide am 13. Oktober 2026 den Film „Sarahs Schlüssel, ein Drama über ein jüdisches Mädchen in Paris im Jahr 1942 und den Nachforschungen einer modernen Journalistin. Der Film, der ein starkes, emotionales Zeichen gegen das Vergessen setzt, beginnt um 19.30 Uhr, der Eintritt ist frei.
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